YES! - Thema 2019

Wege zur effizienten Vergabe von Kitaplätzen

Etwa 450 Eltern standen im Mai 2017 Schlange, um sich für einen der 45 Krippen- und 120 Kindergartenplätze einer neuen Kita in Leipzig einzuschreiben. Zeitweise musste die Polizei einschreiten, um zu verhindern, dass die Menschenansammlung den Verkehr lahmlegte. Die Situation in Leipzig machte das Ausmaß eines Problems direkt sichtbar, das sich sonst eher im Hintergrund abspielt. Trotz des Rechtsanspruchs haben Eltern große Probleme, einen geeigneten Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden. Oftmals müssen sie sich direkt nach der Geburt bei einer Vielzahl von Kitas bewerben.

Der Eintritt des Kindes in eine Kita stellt für viele Familien ein wichtiges Ereignis dar und ist meist unmittelbar mit dem beruflichen Wiedereinstieg der Eltern verbunden. Da die Rückkehr in die Arbeitswelt einiger Vorbereitung bedarf und mit dem Arbeitgeber koordiniert werden muss, benötigen Eltern Planungssicherheit bezüglich der Kita-Unterbringung ihres Kindes. Aktuell leiden Eltern unter dem langwierigen Bewerbungsprozess und der damit verbundenen Planungsunsicherheit. Ein geeignetes Vergabeverfahren sollte daher die Betreuungsplätze frühzeitig vergeben, sodass Eltern in ihrer Planung berücksichtigen können, ob, ab wann und wo ihr Kind betreut werden kann. Zudem sollte das Vergabeverfahren die Wünsche der Eltern berücksichtigen, um die vorhandenen Betreuungsplätze bestmöglich zu nutzen. Der Nutzen, den ein Betreuungsplatz für eine Familie stiftet, kann von mehreren Faktoren abhängen. Dazu zählen etwa das Betreuungskonzept, die Entfernung zur Wohnung oder auch zur Arbeitsstelle eines
Elternteils. Um zu gewährleisten, dass besser informierte Eltern sich nicht auf Kosten anderer Eltern einen Vorteil verschaffen können, ist es wichtig, dass es für Eltern stets optimal ist, ihre Wünsche bezüglich der Kitas wahrheitsgemäß anzugeben. Auch Kommunen profitieren von den  wahrheitsgemäßen Angaben, da diese bei der langfristigen Kapazitätsplanung eine entscheidende Rolle spielen. Die aktuelle Vergabepraxis mit geringer Koordinierung ist nicht nur für Eltern, sondern auch für Kitas mit erheblichem Verwaltungsaufwand verbunden. Aufseiten der Kitas bindet der langwierige Bewerbungsprozess Personal, das sonst für eine bessere Kinderbetreuung verfügbar wäre. Ein zentral koordiniertes Verfahren kann diesen
Arbeitsaufwand deutlich reduzieren, ohne die Freiheit der Träger bei der Ausgestaltung der Vergabekriterien zu beeinflussen. Mehrere Studien zeigen zudem, dass es für den langfristigen Erfolg eines Vergabeverfahrens wichtig ist, dass sich Eltern und Kitas nicht besserstellen können, indem sie die zentral koordinierte Vergabe umgehen. Diese Eigenschaft wird als Stabilität bezeichnet.

Die Herausforderung ist es, ein geeignetes Verfahren zu entwickeln, das die Wünsche der Eltern und Kitas bestmöglich berücksichtigt und Planungssicherheit schafft. Als Grundlage können dabei bestehende Verfahren genutzt werden, die bereits erfolgreich im Bildungsbereich angewendet werden, wobei die Besonderheiten der Kitaplatzvergabe zu berücksichtigen sind.

Wie kann ein Mechanismus gestaltet werden, sodass Eltern und Kitas profitieren? Was muss beachtet werden?

Stabilität: Eltern und Kitas profitieren von ihrer Teilnahme am Vergabeverfahren. Ein Vergabeverfahren wird als stabil bezeichnet, wenn sich weder Eltern noch Kitas durch Absprachen außerhalb des Vergabeverfahrens besserstellen können. Dies impliziert auch, dass es keine Eltern gibt, die einen Platz an einer Kita finden können, die auf ihrer Rangliste weiter oben stand als die Kita, an der sie über die Zuteilung einen Platz erhalten haben. Viele der aktuell verwendeten Vergabeverfahren führen allerdings nicht zu einer stabilen Zuordnung und provozieren so Unzufriedenheit aufseiten der Eltern.

Strategiesicherheit: Keine strategischen Abwägungen aufseiten der Eltern notwendig. Ein Vergabeverfahren wird als strategiesicher bezeichnet, wenn sich Eltern keine Gedanken über strategische Abwägungen machen müssen. Zum einen bedeutet dies, dass es für Eltern optimal sein muss, ihre
Wünsche bezüglich der Kitas wahrheitsgemäß anzugeben. Zum anderen erfordert es, dass es für Eltern optimal ist, das erste Betreuungsplatzangebot anzunehmen und nicht auf ein weiteres Angebot zu warten. In der aktuellen Praxis ist es für Eltern oftmals sinnvoll, ihre wahren Wünsche verzerrt anzugeben: Auf ihrer Wunschliste führen sie dann ausschließlich Einrichtungen an, in denen sie gute Chancen auf einen Platz haben. Ebenso kann es sich lohnen, darauf zu spekulieren, dass attraktivere Angebote folgen. Dies gefährdet die Chancengleichheit, da sich besser informierte Eltern durch strategisches Verhalten auf Kosten anderer besserstellen können.

Einen guten Einstieg in das Thema bietet: Fugger, Nicolas, Thilo Klein und Tobias Riehm
(2017), Dezentrale Kitaplatzvergabe ohne Warteschlange: Ein Leitfaden, ZEW policy brief
Nr. 17-04, Mannheim. http://www.zew.de/PU79425
Ebenso bietet das Buch “Wer kriegt was und warum” von Nobelpreisträger Al Roth einen
sehr guten Einstieg ins Thema Marktdesign.

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Wissenschaftlicher Partner:

Betreuer der YES!-Teams und Autor des Themenvorschlags:

Nicolas Fugger

Nicolas Fugger ist stellvertretender Leiter der ZEW-Forschungsgruppe “Marktdesign” und Mitglied der DFG-Forschergruppe „Design and Behavior“. Er studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Bonn und Köln. Er promovierte in Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln bei Prof. Wambach. Während seiner Promotion war als Gastwissenschaftler an der Pennsylvania State University. Seine Forschungsinteressen umfassen alle Gebiete des Marktdesigns mit Schwerpunkten in der angewandten Auktionstheorie und im Einkaufsdesign.

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2018-11-15T10:38:14+00:00