YES! - Thema 2019

Verbesserung der Chancengleichheit: Schlüssel zu einer gerechten Gesellschaft?

Für die Diskussion um die Gerechtigkeit von Marktergebnissen ist das Konzept der Chancengleichheit von großer Bedeutung. Es ist jedoch unterschiedlich, was darunter verstanden wird: Teilweise wird gefordert, dass Rahmenbedingungen sowie Aufstiegschancen gleich sein sollten, teilweise sollen auch materielle und soziale Startbedingungen gleich sein. Wenn man das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit zugrunde legt, ist Chancengleichheit erreicht, wenn jeder die gleichen Chancen hat, in Eigenverantwortung sein persönliches Leistungspotential zu entwickeln. Dies setzt voraus, dass niemand aufgrund sozialer Merkmale wie Geschlecht, Alter, Religion oder kulturellen Zugehörigkeit, einer Behinderung, der sozialen Herkunft oder wirtschaftlichen Verhältnisse diskriminiert wird. Eine sich als Marktergebnis ergebende Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen wird als legitim und sinnvoll angesehen: Wenn jeder die gleichen Lebenschancen hatte, dann sollte der, der eine höhere Leistung erbracht hat, auch bessergestellt sein. Allerdings bedeutet die so entstehende Ungleichheit der Einkommen und Vermögen, dass nachfolgende Generationen ungleiche Chancen haben. Aus dieser Perspektive wäre ein Ergebnisausgleich bzw. Ergebnisgleichheit eine Voraussetzung, um langfristig Chancengleichheit herzustellen.

In der Realität beobachten wir, dass Chancengleichheit und -gerechtigkeit nicht immer gegeben sind. Menschen haben z.B. aufgrund sozialer Merkmale oft nicht die gleichen Rahmen- und Ausgangsbedingungen und Aufstiegschancen. Das hat einen großen Einfluss darauf, inwieweit sie ihre Ziele im Vergleich zu anderen erreichen können. Zum Beispiel spielt die kulturelle Zugehörigkeit eine große Rolle. So haben Bewerber, wenn ihr Name ausländische Wurzeln erkennen lässt, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt, dass Bewerber auf ein Studentenpraktikum mit einem deutschen Namen eine 14% höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass sie auf ihre Bewerbung eine Rückmeldung bekommen, als Bewerber mit einem türkischen Namen (Kaas und Manger, 2012). Auch die soziale Herkunft spielt eine große Rolle. Kinder, die in einem Haushalt mit geringem Einkommen und Vermögen aufwachsen, haben schlechtere Chancen, einen höheren Bildungsabschluss zu erzielen, als Kinder aus wohlsituierten Haushalten. Ca. 40% der Ungleichheit in individuellen Arbeitseinkommen in Deutschland lassen sich auf den Familienhintergrund zurückführen (Schnitzlein, 2013).

In Deutschland ist die soziale Mobilität hinsichtlich von Bildungschancen und Einkommen im Erwerbsleben relativ gering – so geht viel (ökonomisches) Potenzial verloren. Grundrechte und andere Gesetzesvorgaben sowie Umverteilungspolitik versuchen Diskriminierungen zu unterbinden und Startbedingungen anzugleichen. Es gibt jedoch viele Aspekte in der Realität, die es schwierig machen, gleiche Chancen für alle Menschen und gesellschaftliche Gruppen herzustellen. Die Frage nach besserer Chancengleichheit hat weitreichende Implikationen für die Bildungs- und Sozialpolitik, aber auch die Steuerpolitik, z.B. im Hinblick auf Erbschaftsteuern. Es stellt sich die Frage, in welchen Bereichen Raum für Verbesserung der Chancengleichheit besteht. Welche – möglicherweise einfachen – Veränderungen könnten eine große Wirkung erzielen? Die Aufgabe besteht darin, einen konkreten Plan auszuarbeiten, wie einzelne politische oder gesellschaftliche Maßnahmen eine Verbesserung der Chancengleichheit erreichen könnten und dabei ökonomische Überlegungen anzuwenden. Zugleich sollen dabei auch politische und ökonomische Schwierigkeiten in der Umsetzung beachtet werden.

Was bedeutet Chancengleichheit und in welchen Bereichen ist diese von besonderer Bedeutung und warum?

Welche (ökonomischen) Gründe sprechen für Chancengleichheit?

Warum ist es so schwierig, Chancengleichheit herzustellen und ist dies immer anzustreben?

Gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Chancen- und Ergebnisgleichheit, oder ergänzen sich diese?

Ist es Wunschdenken, wirkliche Chancengleichheit herstellen zu können/wollen und warum? Wäre es eine Alternative, dass der Staat verstärkt versucht Ergebnisgleichheit herzustellen und in welchen Bereichen wäre das unter Umständen besonders sinnvoll (oder nicht sinnvoll)?

Welche Probleme könnten durch Chancengleichheit gelöst werden (z.B. materielle Ungleichheit oder Armut)? Ist es zu erwarten, dass Chancengleichheit diese auch wirklich lösen würde?

In welchen Bereichen gibt es Potenzial für eine Verbesserung der Chancengleichheit? Welches konkretes Problem könnte dabei angegangen werden und was wären die zu erwartenden Folgen?

Welche Implikationen hat Chancengleichheit auf die Politik und Ökonomie? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie, was sind wünschenswerte Entwicklungen und sehen Sie auch Schwierigkeiten?

Es gibt zahlreiche Politiker, Wissenschaftler, Organisation und Interessengruppen, die sich mit dem Thema Chancengleichheit auseinandersetzen, verschiedene Aspekte dabei hervorheben und unterschiedliche Lösungsvorschläge unterbreiten.

Youtube-Videos als Einstieg in die Thematik:

https://www.youtube.com/watch?v=dRuFRborxq4
https://www.youtube.com/watch?v=-ZzvicG-LHs

Nützliche wissenschaftliche Quellen:

http://www.equality-of-opportunity.org/

Peichl, A., Ungerer, M., Kyzyma, I., & Blattner, A. (2017). “Wohlstand für alle”: Wie inklusiv ist die Soziale Marktwirtschaft?, ZEW-Gutachten und Forschungsberichte.

Corak, M. (2013). Income inequality, equality of opportunity, and intergenerational mobility. Journal of Economic Perspectives, 27(3), 79-102.

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Betreuer der YES!-Teams und Autoren des Themenvorschlags:

Prof. Dr. Dominika Langenmayr ist Inhaberin des Lehrstuhls für VWL, insbesondere Finanzwissenschaft an der KU Eichstätt-Ingolstadt und Forschungsprofessorin am CESifo. Vor ihrer Berufung nach Ingolstadt, arbeitete sie als Assistenzprofessorin an der Universität München und verbrachte mehrere Monate als Gastforscherin an der UC San Diego und at Oxford University Centre for Business Taxation. 2013 promovierte sie an der Universität München. Als Doktorandin forschte sie auch für ein Semester an der Harvard University. Ihre Forschungsarbeit bewegt sich um die verschiedene Aspekte der Besteuerung, insbesondere internationale Aspekte wie sogenannte tax havens oder die Besteuerung von multinationalen Unternehmen.

YES!-Themen von Dominika Langenmayr

2018-10-26T10:14:05+00:00