YES! - Thema 2020

Tax Compliance – Aufgabe des Staates oder der Moral?

Steuern werden vom öffentlich-rechtlichen Gemeinwesen insbesondere zur Einnahmenerzielung erhoben, ohne dass der Zahlende eine direkte Gegenleistung erhält. Mitglieder einer Gesellschaft besitzen eine unterschiedlich ausgeprägte Bereitschaft zur Einhaltung der Steuervorschriften, der sogenannten „Tax Compliance“.
Steuerhinterziehung wurde von den Wirtschaftswissenschaftlern Michael G. Allingham und Agnar Sandmo in einer wegweisenden Theorie aus dem Jahr 1972 als Entscheidung unter Unsicherheit modelliert. Die steuerpflichtige Person steht vor der Entscheidung, sich gesetzeskonform zu verhalten und somit die Steuerpflicht vollumfänglich zu erfüllen oder aber Steuern zu hinterziehen mit dem Risiko entdeckt und bestraft zu werden. Der Staat setzt die Höhe der Strafe fest und entscheidet, wie viel Anstrengung unternommen wird, Steuerhinterziehung aufzudecken.

Allerdings wird in der aktuellen Forschungsliteratur mit der Steuermoral auch ein weiterer Einflussfaktor von Tax Compliance diskutiert. Unter Steuermoral versteht man die extrinsische und intrinsische Motivation, Steuern zu zahlen. Diese Motivation kann ihren Ursprung in sozialen Normen oder dem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden haben, jedoch auch durch spezifische Gesetzgebung gefördert werden. Der Gesetzgeber kann beispielsweise vorsehen, Listen mit Steuerhinterziehern zu veröffentlichen oder auch Personen mit besonders hoher Steuerlast öffentlich zu loben.
Der Staat hat die Aufgabe öffentliche Güter (wie z.B. Schulen und Verkehrsinfrastruktur) zu finanzieren. Dafür benötigt er Steuereinnahmen. Um eine gerechte und gesetzeskonforme Verteilung der Steuerlast sicherzustellen, muss die Tax Compliance der Mitglieder einer Gesellschaft sichergestellt werden. Wie kann dieses Ziel erreicht werden?

Aus welchen Gründen hinterziehen Individuen Steuern?
Bei welchen Steuerarten ist es besonders einfach oder schwierig Steuern zu hinterziehen?
Welche Mittel nutzt der Staat bisher, um gegen Steuerhinterziehung vorzugehen und wie wirksam sind diese? Wie unterscheidet sich das Vorgehen in verschiedenen Ländern (z.B. Skandinavien)?
Welche potenziellen Werkzeuge werden bisher nicht eingesetzt?
Welche nicht-finanziellen Anreize können Steuerhinterziehung reduzieren?
Wie könnte ein Weg zu höher Steuermoral aussehen?

Luttmer, E. und Singhal, M. (2014). Tax Morale. Journal of Economic Perspectives, 28 (4), S. 149-168.

OECD (2013). Tax and Development: What Drives Tax Morale? Organization for Economic Cooperation and Development.
https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/f3d8ea10-en.pdf?expires=1573044474&id=id&accname=ocid194350&checksum=B24E6DDDDCC5B917AECF8E8E3F9200C3

Allingham, M. und Sandmo, A. (1972). Income Tax Evasion: A Theoretical Analysis. Journal of Public Economics, 1(3–4), S. 323-338.

Thaler, R. und Sunstein, C. (2010). Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt, Ullstein Taschenbuchverlag.

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Betreuerin des YES!-Teams und Autoren des Themenvorschlags:

Dominika Langenmayr

Prof. Dr. Dominika Langenmayr ist Inhaberin des Lehrstuhls für VWL, insbesondere Finanzwissenschaft an der KU Eichstätt-Ingolstadt und Forschungsprofessorin am CESifo. Vor ihrer Berufung nach Ingolstadt, arbeitete sie als Assistenzprofessorin an der Universität München und verbrachte mehrere Monate als Gastforscherin an der UC San Diego und at Oxford University Centre for Business Taxation. 2013 promovierte sie an der Universität München. Als Doktorandin forschte sie auch für ein Semester an der Harvard University. Ihre Forschungsarbeit bewegt sich um die verschiedene Aspekte der Besteuerung, insbesondere internationale Aspekte wie sogenannte tax havens oder die Besteuerung von multinationalen Unternehmen.

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Philipp Krug

Philipp Krug ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für VWL, insb. Finanzwissenschaft an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Besteuerung von Vermögensübertragungen. Philipp Krug studierte in Ingolstadt und Dublin und verbrachte ein Semester als Gastdoktorand an der University of California, Berkeley. Er ist Alumnus der Studienstiftung des deutschen Volkes, des Elitenetzwerk Bayern und der Schmalenbach Stiftung.

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2019-11-07T22:26:35+01:00