YES! - Thema 2019

Private Altersvorsorge im Visier: Mangelhafte Produkte und Verhaltensverzerrungen – was tun?

Weltweit wurden in vielen Ländern zu Beginn dieses Jahrhunderts umfassende Reformen der sozialpolitisch relevanten Alterssicherung durchgeführt –  politisch gewollt, vom damaligen wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream unterstützt. Begründet wurden diese Reformen mit sich wandelnden demografischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen und damit, dass eine (gesetzliche) beitrags- und umlagefinanzierte Rentenversicherung mittel- und langfristig nicht finanzierbar sei. Fast alle Länder führten eine Mischfinanzierung, das sogenannte Drei—Säulen-Modell ein: gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge. Für die konkrete Ausgestaltung dieser Systeme werden in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Wege beschritten.

2001 wurde auch in Deutschland in einer großen Rentenreform die Altersvorsorge strukturell umgebaut – ein Paradigmenwechsel fand statt: Kernelemente waren die Reduzierung gesetzlicher Rentenleistungen sowie das Festschreiben des Beitragssatzes zur gesetzlichen Rentenversicherung. Die politisch gewollte Folge war ein sinkendes Rentenniveau in der gesetzlichen Rentenversicherung, ein Ausstieg aus der lebensstandard- und statussichernden gesetzlichen Rente. Die entstehenden Versorgungslücken sollten durch eine staatlich geförderte, individuelle und kapitalgedeckte Altersvorsorge — durch die Riester-Rente — geschlossen werden.

Die geförderte private Altersvorsorge sollte flächendeckend und alle Einkommensgruppen, aber insbesondere gering Verdienende einbeziehen. Die Zahl der potentiellen Vorsorgesparenden wurde auf 34 bis 35 Millionen (2001) geschätzt. Es entstand ein „Wohlfahrtsmarkt”: Die Akteure waren der Staat, der für die Förderung und die Zertifizierung der Riester-Produkte gesetzliche Vorgaben machte, die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin), die für die Zertifizierung der Produkte verantwortlich zeichnete, die Unternehmen der Versicherungswirtschaft und der Banken, die die Produkte der Altersvorsorge vertrieben sowie die diese Produkte Nachfragenden, die tatsächlichen sowie potentiell Vorsorgenden. Die zuletzt Genannten hatten für die Altersvorsorge nunmehr nicht nur mehr Entscheidungsfreiheiten und -optionen‚ sondern auch mehr Entscheidungszwänge zu bewältigen. Finanzielle Fehleinschätzungen und ein Altersvorsorgeverhalten, das langfristig eher schadet als nutzt, waren eine häufige Folge.

Studien zur Riester-Rente belegen, dass das vom Staat erwartete Spar- und Vorsorgeverhalten nur teilweise eingetreten ist: Seit einigen Jahren wurden nur noch wenig neue, zuletzt sogar keine zusätzlichen Riester- Verträge abgeschlossen. Für das Jahr 2017 weist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nur 16,5 Millionen Riester-Verträge aus. Der Anteil der Geringverdienenden an den Riestersparenden ist geringer als der Anteil dieser Einkommensgruppe an der Bevölkerung insgesamt. Jeder fünfte Vertrag ruht, wird also nicht bespart und etliche Verträge wurden schon bald nach Vertragsabschluss wieder gekündigt. Diese Situation wird aber keineswegs konsensual beurteilt, die Ursachen werden ausgesprochen kontrovers diskutiert.

Befürwortende des Riester-Sparens beurteilen das Ausmaß und die Struktur von Riesterabschlüssen im Grundsatz positiv, die Produktkosten erklären sie mit einer hohen Lebenserwartung und Selbstselektion. Sie wollen an dem jetzigen Vorsorgesystem weitgehend festhalten, eine standardisierte Produktinformation sollte mehr Vertragsabschlüsse und den Verbleib in Verträgen unterstützen. Kritiker des Riester-Sparens hingegen urteilen, die Umsetzung des Riester-Sparens sei mangelhaft und die Ziele würden nicht erreicht werden. Mängel erkennen manche Kritiker insbesondere angebotsseitig in einer hohen Produktkomplexität, schlechten Produktpräsentation, teilweise schlechten Beratung sowie (zu) teuren Produkte. Der Politik wird eine stärkere gesetzliche Regulierung der Anbieter von Produkten der Altersvorsorge (insbesondere von Riester-Produkten) empfohlen. Manche Kritiker halten zudem eine Rückkehr zur und Stabilisierung der umlagefinanzierten Rentenversicherung für erforderlich, zudem eine Ausweitung des Versichertenkreises und höhere Beitragsbemessungsgrenzen in der gesetzlichen Rentenversicherung. Andere Kritiker legen den Fokus stärker auf nachfrageseitige Defizite, sie konstatieren Mängel in der Konsumentensouveränität. Dies würde durch Verhaltensverzerrungen wie beispielsweise den Status-quo-Bias, Verlust—, Alters- und Finanzaversion zu erklären sein. Hier wird eine private kapitalgedeckte Vorsorge nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wohl aber eine Revision der Ausgestaltung als der richtige Weg angesehen. Dazu sollte sich der Staat des Konzeptes des Nudging (leichten Anstoßens oder Stupsens) bedienen, das auf Richard H. Thaler, der 2017 den Nobelpreis für seine verhaltensökonomischen Forschungen erhielt – zurückgeht. Favorisiert wird zudem ein kostengünstiges Standardprodukt, das ohne Gewinnabsichten angeboten werden sollte.

Ob und wie das System der Alterssicherung verändert werden müsste, um die Versorgungslücken nach dem Erwerbsleben zu schließen und Altersarmut zu reduzieren, umspannt diverse Aspekte, die in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft aus sozial-‚ verbraucherpolitischer und erhaltensökonomischer Perspektive höchststrittig diskutiert werden und zu unterschiedlichen Überlegungen und Politikempfehlungen zur weiteren Ausgestaltung des Systems der Alterssicherung führen.

Fragen zum System der Alterssicherung allgemein:

 In Folge des demografischen Wandels ist die gesetzliche umlagefinanzierte Rente nicht nachhaltig zu

Kann eine kapitalgedeckte Altersvorsorge die Folgen des demografischen Strukturwandels effizienter und

generationsgerechter auffangen als eine umlagefinanzierte Rente?

Wie effizient ist das Umlagesystem der gesetzlichen Rentenversicherung im Vergleich zum kapitalgedeckten privaten Ansparen für die private Altersvorsorge?

Angenommen, Ihr seid Mitglieder der gegenwärtigen Rentenkommission: Welche Vorschläge würde ihr der Regierung vorlegen? Wir würdet Ihr eure Vorschläge begründen?

Fragen zur geförderten privaten Altersvorsorge (Riester), Ländervergleich:

Wie beurteilen Sie die private Altersvorsorge, das Riestersparen? Berücksichtigen Sie dabei die Perspektive unterschiedlicher Akteure:

Regierung/Staat,
Aufsichtsbehörden,
Anbieter und ihre Verbänden,
Verbraucherorganisationen,
Forschung.

Könnten Riester-Produkte kostengünstiger angeboten werden?

Was ist zu tun, um die Transparenz des Riestermarktes zu verbessern?

Worin unterscheidet sich das schwedische Modell der kapitalgedeckten Altersvorsorge von dem deutschen Modell?

Fragen zur privaten Altersvorsorge in Form von Rentenversicherungen/ Lebensversicherungen:

Welche Herausforderungen und Ursachen lassen sich für die Probleme der Lebensversicherung identifizieren?

Gibt es gegenwärtig eine „Krise der Lebensversicherung“?

Sind neue Produktmodelle, Run-off und ungerechte Überschussverteilung Anzeichen einer Krise der Lebensversicherung?

Welche Auswirkungen habe neue Produktmodelle, Run-off und Überschussbeteiligung auf Verbraucherinnen und Verbraucher?

Fragen zur Politikgestaltung der Alterssicherung/ privaten geförderten Altersvorsorge:

Sie werden um politischen Rat zur Regulierung des Alterssicherungsystems gebeten: Sprechen Sie sich für eine angebots- oder/und nachfrageseitige Regulierung aus – warum?

Jeder Mensch kann der Politik Petitionen einreichen: Bezüglich welcher Aspekte zur Regulierung der Alterssicherung würden Sie eine Petition einreichen wollen?

Welche Regulierungsmaßnahmen würden Sie vorschlagen? Würden Sie zu einer Politik des Nudgings raten, die auf eine Veränderung des Vorsorgeverhaltens der Verbraucherinnen und Verbraucher zielt?

DIW-Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung (2018): Stupsen und Schubsen (Nudging): Beispiele aus Altersversorge, Gesundheit, Ernährung; im Erscheinen, 87 (2) – verschiedene Artikel.

Dold, Malte und Christin Schubert: Wohin nudgen? Zum Menschenbild des Libertären Paternalismus. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 87 (1), 29-39.

Leinert, Johannes (2017): Welchen Einfluss hat Financial Literacy auf die Altersvorsorge? Vierteljahrshefte zur
Wirtschaftsforschung, 86 (4), 83-101.

Haupt, Marlene (2014): Nudging im Bereich der Alterssicherung – warum und wie? Wirtschaftsdienst, 94 (11), 784-787.

Sunstein, Cass E. (2014): Nudging: a very short guide. Journal of Consumer Policy, 37 (4), 583-588.
Sozialer Fortschritt (2013). Verbraucherpolitische Entwicklungen und Herausforderungen in der Sozialpolitik, 62 (2) – verschiedene Artikel

Haupt, Marlene und Sebatian Kluth (2012): Das schwedische Beispiel der kapitalgedeckten Altersvorsorge – Ein Vorbild für Deutschland? Viertelsjahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 81 (2), 213-230.
https://ejournals.duncker-humblot.de/doi/pdf/10.3790/vjh.81.2.213

DIW-Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung (2012): Riester-Sparen: kontroverse Sichtweisen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, 81 (2) – verschiedene Artikel
https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.457277.de

DIW-Wochenbericht 47/2011: Riester-Rente: Grundlegende Reform dringend geboten.
https://www.diw.de/documents/
publikationen/73/
diw_01.c.389130.de/11-47.pdf

Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 8/2010: Riesterrente: Politik ohne Marktbeobachtung
https://www.diw.de/documents/
publikationen/73/
diw_01.c.347789.de/10-8.pdf

Wolfram Lamping (2009): Verbraucherkompetenz und Verbraucherschutz auf Wohlfahrtsmärkten: Neue Herausforderungen an eine sozialpolitische Verbraucherpolitik, in: Verbraucherpolitik zwischen Markt und Staat: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 78 (3), 44-62.
https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.453923.de

Thaler, Richard H. und Cass R. Sunstein (2008): Nudge. Improving decisions about heatlh, wealth , and happiness. New Haven, London.
Verbraucherzentrale

Leinert, Johannes (2006): Altersvorsorge: Wie kann freiwilliges Vorsorgesparen gefördert werden? Eine ökonomische Analyse. Baden-Baden. Nomos.

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Wissenschaftlicher Partner:

Betreuerin der YES!-Teams und Autorin des Themenvorschlags:

Kornelia Hagen

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Kornelia Hagen ist Senior Wissenschaftlerin am DIW Berlin und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundes der Versicherten. Ihre Arbeitsthemen sind Verbraucherforschung und -politik. Sie interessiert sich vor allem für das Verbraucherverhalten und verbraucherpolitische Maßnahmen auf dem Wohlfahrtsmarkt Altersvorsorge und für Lebensversicherungen, für die Konsumentensouveränität und die Wirkungen von Instrumenten der Verbraucherpolitik.

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2018-11-28T09:59:23+00:00