Thema 2021

Kurzsichtiges Management – Warum sind Unternehmensführungen besessen von Quartalsergebnissen und was sollte dagegen getan werden?

Kurzsichtiges Management beschreibt die Tendenz von Managern, kurzfristige Gewinne auf Kosten möglicher (noch) größerer langfristiger Gewinne zu erzielen. Dieses Phänomen ist besonders in börsennotierten Unternehmen präsent, die die vierteljährlichen Gewinnerwartungen der Investoren erfüllen müssen. Daher wird in der Praxis oft beklagt, dass ein börsennotiertes Unternehmen den Ermessensspielraum des Managements einschränkt, um in langfristige Projekte wie Innovationen zu investieren.

Ingvar Kamprad, der Gründer des Möbelkonzerns Ikea, merkt beispielsweise an, dass „der Verbleib von Unternehmen wie Ikea in privater Hand die Freiheit sichern würde, einen langfristigen Blick auf Investitionen und die Geschäftsentwicklung zu haben“ (Kamprad 2011). Ebenso kündigte der Computerhersteller Dell an, das Unternehmen 2014 in Privatbesitz zu nehmen, um „Entscheidungen zu treffen, die nicht nur auf den Gewinnen und Umsätzen im nächsten Quartal basieren, sondern mit einem längerfristigen Fokus“ (Devaney 2013, S.8).

In Wirtschaftszeitschriften wird darauf hingewiesen, dass Unternehmen versuchen sollten, „die Besessenheit der Wall Street von vierteljährlichen Gewinnerwartungen zu vermeiden“ (Forbes 2003, S.174). Tellis (2013, S. 239) bezeichnet die negativen Auswirkungen der Börse auf Managerentscheidungen als den „Fluch der Wall Street“ und führt aus, dass „der Druck der Investoren an der Wall Street Manager dazu veranlasst, Investitionen in Innovationen zu kürzen, um die aktuellen Gewinne und Aktienkurse zu steigern, was auf Kosten zukünftiger Innovationen, des Wachstums und der langfristigen Marktkapitalisierung geht.“

Auch die wissenschaftliche Literatur weist auf die Gefahren eines kurzsichtigen Managements und die potenziell verheerenden Folgen für das Unternehmensverhalten hin (siehe z. B. Graham et al. 2005; Mizik 2010; Chakravarty und Grewal 2011). Daher ist eine wichtige Frage, die für Manager, Investoren und politische Entscheidungsträger gleichermaßen von Interesse ist: Wie kann die Besessenheit von Quartalsgewinnen eingedämmt und ein kurzsichtiges Management vermieden werden?

Cohen, Daniel A., and Paul Zarowin. “Accrual-based and real earnings management activities around seasoned equity offerings.” Journal of accounting and Economics1 (2010): 2-19.

Devaney, Tim (2013), “Dell Going Private to Reinvent Itself,” The Washington Times, (February 6), [available at https://www.washingtontimes.com/news/2013/feb/5/dell-founder-plans-24-billion-buyback/?page=all]

Forbes (2003), “Private Business,” (November 24), [available https://www.forbes.com/consent/?toURL=https://www.forbes.com/free_forbes/2003/1124/174.html

Graham, John R., Campbell R. Harvey, and Shiva Rajgopal. “The economic implications of corporate financial reporting.” Journal of accounting and economics1-3 (2005): 3-73.

Jacobson, Robert, and David Aaker. “Myopic management behavior with efficient, but imperfect, financial markets: A comparison of information asymmetries in the US and Japan.” Journal of Accounting and Economics4 (1993): 383-405.

Kamprad, Ingvar (2011), “Ingvar Kamprad Comments: We Are Open About the Way We Are Structured,” (January 11), [available at http://www.ikea.com/at/de/about_ikea/newsitem/statement_Ingvar_Kamprad_ comments#].

Mizik, Natalie. “The theory and practice of myopic management.” Journal of Marketing Research4 (2010): 594-611.

Mizik, Natalie, and Robert Jacobson. “Myopic marketing management: Evidence of the phenomenon and its long-term performance consequences in the SEO context.” Marketing Science3 (2007): 361-379.

Roychowdhury, Sugata. “Earnings management through real activities manipulation.” Journal of accounting and economics3 (2006): 335-370.

Tellis, Gerard J. (2013), Unrelenting Innovation: How to Create a Culture of Market Dominance. San Francisco: Jossey-Bass.

Xu, Randall Zhaohui, Gary K. Taylor, and Michael T. Dugan. “Review of real earnings management literature.” Journal of Accounting Literature26 (2007): 195-228.

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Betreuerin des YES!-Teams und Autorin des Themenvorschlags:

Simone Wies

Simone WiesSimone Wies ist Juniorprofessorin (SAFE Junior Professorship for Marketing and Finance) an der Goethe-Universität Frankfurt. Vor ihrem Eintritt in die Goethe-Universität war sie Postdoc-Forscherin im Bereich Marketing an der Fuqua School of Business der Duke University. Sie hat an der Universität Maastricht ihren MS.c. und Ph.D. in Finanzwesen erworben. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit dem Zusammenspiel von Kapitalmarkt und Managemententscheidungen.

YES!-Themen von Simone Wies

2021-01-14T14:39:45+01:00
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