YES! - Thema 2019

Ingenieure und Lehrerinnen – Das Geschlechtergefälle in den Studiengängen

2008 lancierte das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Initiative „Komm, mach MINT.“ Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen“. Sie verfolgte das Ziel, die Frauenquote in MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu erhöhen. Angestoßen wurde diese Initiative durch die starke Unterrepräsentation von Frauen in diesen Bereichen (Komm, mach MINT 2018). Im Jahr 2012 hatten deutschlandweit 55 % aller Männer mit Hochschulbildung zwischen 25 und 64 Jahren Ingenieurwissenschaften, Fertigung, Bauwesen, Naturwissenschaften, Mathematik oder Informatik studiert – im Vergleich zu nur 15 % aller Frauen. Gleichzeitig hatte ein relativ großer Prozentsatz von Frauen, nämlich 16 %, einen Abschluss im Bereich Lehramt oder Erziehungswissenschaften – im Vergleich zu nur 5 % der Männer. In Deutschland war das Geschlechtergefälle in den MINT-Bereichen deutlich höher als in anderen OECD-Ländern (OECD 2016).

Es hat sich gezeigt, dass die Unterrepräsentation junger Frauen unter den MINT-Absolventen weitreichende wirtschaftliche Folgen hat. Beispielsweise bieten die von Frauen oft gewählten Studienbereiche im Durchschnitt eine niedrigere Vergütung (Wrohlich und Zucco 2017). Daher trägt das Geschlechtergefälle in den Studienbereichen zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle auf dem Arbeitsmarkt bei. Auf der anderen Seite könnten Unternehmen von einer Geschlechterdiversität profitieren, die nachweislich die Produktivität und Leistung in Teams erhöht. Darüber hinaus wird das Thema immer wichtiger, da in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ein Mangel an MINT-Arbeitskräften herrscht (Breda et al. 2018).

Die Entstehung der geschlechtsspezifischen Diskrepanz im MINT-Bereich wurde sowohl unter Forschern (zum Beispiel Breda et al. 2018 und Weinhardt 2017) als auch unter Journalisten ausgiebig debattiert (zum Beispiel https://www.theguardian.com/science/head-quarters/2018/mar/08/bridging-the-gender-gap-why-do-so-few-girls-study-stem-subjects, https://www.scientificamerican.com/article/
are-boys-better-than-girls-at-math
, https://edition.cnn.com/2016/10/12/
health/female-scientists-engineers-math-gender-gap/index.html
). Gleichzeitig ist unklar, wie junge Frauen erfolgreich dazu angeregt werden können, sich für ein Studium im MINT-Bereich zu entscheiden.

Im Gegensatz dazu war 2013 nur ein Drittel aller angehenden Lehrkräfte männlich. Darüber hinaus sind die jungen Männer, die sich für den Lehrerberuf entscheiden, meist auf die Sekundarstufe spezialisiert und in ‚weniger angesehenen’ Lehrpositionen in Grund- oder Sonderschulen nur schwach vertreten (Weeber & Hobler 2015).

Sie selbst werden wahrscheinlich bald eine Entscheidung über Ihr Studienfach treffen. Greifen Sie das Thema auf, indem Sie zunächst einmal Ihre Vorhaben und Erfahrungen mit den anderen Teammitgliedern austauschen. Vielleicht möchten Sie sogar noch einen Schritt weiter gehen und herausfinden, was die Studienvorhaben von Mitschülerinnen und Mitschülern in Ihrer Klasse oder Schule sind und inwiefern diese geschlechtsspezifisch sind. Möglicherweise interessieren Sie sich auch dafür, was Ihre Mitschüler und Mitschülerinnen von ihren eigenen Mathematik-Kenntnissen halten und wie sich diese Einschätzung mit ihrer tatsächlichen Leistung vergleichen lässt.

Zweitens: Wie lässt sich Deutschlands Geschlechtergefälle in MINT-Studienfächern mit anderen Ländern vergleichen? Fällt Ihnen eine mögliche Erklärung ein, weshalb sie sich von anderen Ländern unterscheidet?

Drittens: Was sind die möglichen Mechanismen, die junge Männer im Vergleich zu Frauen eher zu einem MINT-Studienfach bewegen? Und warum sind junge Männer weniger daran interessiert, Lehrer zu werden? Welche Folgen hat dieses Geschlechtergefälle im Studienfach, beispielsweise für ihre berufliche Laufbahn?

Viertens: Halten Sie es für wünschenswert, eine Maßnahme einzuführen, mit der die Frauenquote in MINT-Studienfächern bzw. die Männerquote in bildungsbezogenen Berufen erhöht werden soll? Wenn ja, könnten Sie sich etwas einfallen lassen, das junge Frauen dazu veranlasst, ein MINT-Fach zu wählen bzw. das junge Männer dazu anregt, einen Lehrberuf zu wählen?

Barone, C., Schizzerotto, A., Assirelli, G. and Abbiati, G. (2018). Nudging gender desegregation: a field experiment on the causal effect of information barriers on gender inequalities in higher education. European Societies, First Published 4 march.

Breda, T., Grenet J., Monnet M., and Van Effenterre, C. (2018). Can female role models reduce the gender gap in science? Evidence from classroom interventions in French high schools. Link: https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-01713068/document.

Go Mint (2018). https://www.komm-mach-mint.de

OECD (2016). ‘Education at a Glance 2016’.
– Figure A1.5: Field of education studied among tertiary-educated adults, by gender.
– Table A1.5. (online version): Field of education studied among tertiary-educated adults, by gender. Link: http://dx.doi.org/10.1787/888933396568

Weeber, S. and D. Hober (2015). Lehramtsstudent_innen nach Studiengängen und Fächern im Wintersemester 2013/14 in Deutschland. GEW. Link: https://www.gew.de/index.php?
eID=dumpFile&t=f&f=35219&token=
33c70f1ce73395711591d205396905e4dcff4d18
&sdownload=&n=Auswertung_
LehrerInnenbildung_2015.pdf

Weinhardt, F. (2017). Selbsteinschätzungen von SchülerInnen: Ursache Für Frauenmangel in MINT-Berufen? Mädchen unterschätzen schon in der fünften Klasse ihre Fähigkeiten in Mathematik. DIW Wochenbericht 45/2017. Link: https://www.diw.de/documents/publikationen/
73/diw_01.c.568691.de/17-45-1.pdf

Wrohlich, K. and A. Zucco (2017). Gender Pay Gap innerhalb von Berufen variiert erheblich. DIW Wochenbericht 43/2017. Link: https://www.diw.de/documents/publikationen/
73/diw_01.c.567551.de/17-43-2.pdf

By Tulane Public Relations (Student in Class, Uploaded by AlbertHerring) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Wissenschaftlicher Partner:

Betreuerinnen der YES!-Teams und Autorinnen des Themenvorschlags:

Aline Zucco

Foto: DIW / F. Schuh

Aline Zucco ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe „Gender Studies“ am DIW Berlin. Sie studierte Economics und Sozialökonomik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Ihr Forschungsschwerpunkt gilt der Untersuchung, wie Berufe mit der geschlechtsspezifischen Lohnlücke zusammenhängen und wie die berufliche Laufbahn von Frauen durch geburtsbedingte Erwerbsunterbrechungen beeinträchtigt wird. Außerdem untersucht sie die Wohlstandsspitze in Europa.

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Claire Samtleben

Foto: DIW / F. Schuh

Claire Samtleben ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und promoviert an der Berlin Graduate School for Social Sciences (BGSS). Sie studierte Staatswissenschaften (Governance and Public Policies) in Passau und Québec sowie Internationale Beziehungen in Berlin und Barcelona. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und der Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben.

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Julia Schmieder

Foto: DIW / F. Schuh

Julia Schmieder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und an der WU Wien. Sie studierte Volkswirtschaftslehre in Mannheim, Madrid und London und beschäftigte sich mit geschlechtsspezifischen Themen sowohl in ihrer Forschung als auch im Rahmen von Praktika in ausländischen Institutionen. Ihr Forschungsinteresse liegt im Bereich Migration und Arbeitsangebot von Haushalten im Allgemeinen.

YES!-Themen von Julia Schmieder

2018-11-20T12:01:01+00:00